Ein Verein für Wiener- und Budapester Tümmlertauben in der Bundeshauptstadt Berlin

 

Den Deutschen wird häufig Vereinsmeierei nachgesagt, doch welche Bindungen kann wohl ein Berliner Taubenverein zu den beiden erwähnten europäischen Großstädten und deren Züchtern haben?

 

Zur Erläuterung muss etwas ausgeholt werden, ja über die Zeiten von Maria Theresia, der Österreich-Ungarischen Monarchie und verständlicherweise den Preußenkönigen im Preußenjahr.

 

Die alten Römer waren bekanntlich enthusiastische Federviehliebhaber und brachten im 1. Jahrhundert n. Chr. Tauben nach Wien, als die Stadt römische Garnison wurde (um 50. n Chr.) und „Vindobona“ genannt wurde. Das Tauben bereits 5000 Jahre vor unserer Zeitrechnung mit Menschen in Verbindung gebracht wurden, findet in Mythen und Sagen Erwähnung. Später kamen auf den unterschiedlichsten Handelswegen aus dem indischen Raum Tauben an die Donaumetropole, die aus Palästen wohlhabender Großfürsten stammten. Die im Abendland fremdartigen Tauben wurden zu höfischen Geschenken erhoben und waren in den Oberschichten der Gesellschaft äußerst begehrt. Das setzte sich bis zur Zeit Maria Theresias fort, die im Lustschloss von Schönbrunn ein einzigartiges Taubenhaus im volierenartigen Rundstil erbauen ließ (1750-1760), welches bis heute erhalten geblieben ist. Ein historisches Denkmal, welches Macht, Weltoffenheit und Zerstreuung für lustwandelnde Hofgesellschaften bezeugen sollte.

Die eingeführten Tauben traten in vielfältigem Äußeren mit Fächenschwänzen, Kragen, Hauben , Locken sowie außergewöhnlichen Farben und Zeichnungen auf. Einige zeigten rollende oder sich in der Luft rückwärts überschlagende Flugkünste zur Belustigung der Betrachter. Die größeren, u.a. Römertauben, bildeten eine ständige Bereicherung des Speisezettels und wurden ihres zarten Fleisches wegen in der Krankenpflege geschätzt.  Schon frühzeitig nutzte man das gesellige Leben der Tauben. Zahlreiche, gut erhaltene Taubenhäuser und Türme im Mittelmeerraum und im nördlichen Europa sind ein Beweis ihrer Verbreitung. Der Nutzten als hochwertiger Düngerlieferant, bis zur Entwicklung von Kunstdüngemitteln, war über jeden Zweifel erhaben. Ein erneut aktuelles Thema, da im ökologischen Anbau die Möglichkeiten ein gesünderen Ernährungsweise zu sehen sind. Es war die Epoche der Biedermeierzeit, wo es noch etwas gemächlicher zuging und man sich, je nach Ansehen und Besitzstand, den schönen Dingen zuwandte. Hierzu gehörte vielerorts das Halten von Tauben zum Vergnügen, wie die Wiener Schriftstellerin Andrea Dee in ihrem 1994 erschienenen Buch „Eine vergessene Leidenschaft“, den Erhalt geschichtlichen Kulturgutes bis in unsere Tage hinein beschreibt.

 

 

 

Das monogame Zusammenleben der Tauben schloss nicht aus, dass sie sich häufig zu Schwärmen zusammenfanden. Das kam den Taubenfreunden entgegen, um die unterschiedlichsten Flugvarianten mit entsprechen veranlagten Tauben zu intensivieren.

In der preußischen Residenzstadt Berlin waren es zur Zeit Friedrichs des Großen (1712 – 1786) „Berliner Flugtümmler“, die in unzähligen Schwärmen das Stadtgebiet abstreiften. Die Zahl ihrer Züchter und Anhänger war bis zum 1. Weltkrieg so groß, was leider schnell in Vergessenheit gerät, da Berlin als die „Tümmlertaubenstadt“ schlechthin galt. Sonntägliches Schaufliegen lockte Hunderte von Besuchern mit Kind und Kegel zur Hasenheide in den Garten der „Neuen Welt“. Ab 1900 verstärkte sich der Trend zum Halten von Tauben für Austellungszwecke.

 

Auch die Wiener Taubenfreunde, in Verbundenheit mit den Schwesterstädten Prag und Budapest, hatten einiges aufzubieten. Mit den zahlreichen Farbenschlägen der Wiener Tauben leisteten sie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Erzüchtung der ersten Ziertümmler unter Verwendung angestammter Heimatrassen. Zu den großen Kennern und Förderern gehörte Heinrich Zaoralek, der an der Gründung des 1. Wiener Tümmler-(Purzel)-Tauben-Klubs Wien im Jahre 1897 beteiligt war und im „Komitee“ alle Vereine der Hochflug- und Ziertümmler in sich vereinen konnte. Zwischen 1884 und 1895 stellte er mehrfach mit Gleichgesinnten auf den bis 1900 in Deutschland führenden Geflügelausstellungen der „Cypria Verein der Geflügelfreunde in Berlin“ erstmalig Wiener Edeltümmler außerhalb Wiens aus. Hier wurde, unter dem Protektorat des Prinzen Friedrich Carl v. Preussen stehend, der Samen für die Verbreitung der Wiener-Taubenzucht in Deutschland gelegt. Mit den „Weißgestorchten“ kam ein schnittige, intelligente, noch gut fliegende Taube zu uns, die fortan in den heimischen Flugstichen anzutreffen war. Bei weißen Grundfarbe mit Grau-Blau auslaufenden Flügelspitzen wurde sie als „Spitzige“ bezeichnet.

 

 

 

 

 

Durch den 1.Weltkrieg verzögert, gründete sich am 5.Mai 1919 der erste und damit älteste Spezialverein dieser Art in Berlin. Dem „Klub Wiener Taubenzüchter“ traten 58 in- und auswärtige Mitglieder bei, dessen Vorsitz Fr. Steiner, ein gebürtiger Wiener, inne hatte. Diese Bewegung setzte sich mit weiteren Vereinsgründungen über ganz Deutschland fort.

Die Wiener Tümmler wurden zur Modetaube der 20er Jahre erkoren, denn er gab derzeit keine Rasse, über die man so umfangreich zu berichten wusste. Aus dem Vorstehenden resultierte ein ungewollter Verdrängungsprozess einheimischer Tümmlerrassen, da sich die Zuchten zudem auf Schau- und Volierenhaltung umstellten. Anders die Anhänger des „Jauksportes“ und die als modern geltenden Ziertümmlerzüchter in Wien, Budapest und den Spezialvereinen, die getrennte Zuchtrichtungen verfolgten.  Selbst der als Liedermacher in Wien bekannte Carl Humpel hatte sich über den Taubensport zu Versen inspirieren lassen. Denn man konnte zu Recht behaupten: „Wer Tauben sehn fliegen will, der fahre nach Wien; es gibt nur eine Kaiserstadt, es gibt nur ein Wien.“ Die Flugfreudigkeit, insbesondere das klassische Fliegen in größeren Schwärmen und Höhen ist für die Liebhaber bis heute ein faszinierendes Erlebnis geblieben und von keiner anderen Taubenrasse erreicht worden. Ihr harmonischer Körperbau und die anspruchsvollsten Zeichnungsarten konnten bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts als abgeschlossen gelten. Das lässt sich aber nur bei wenigen Zuchten der Stammfarbenschläge, wo auf Rassemerkmale geachtet wurde, erkennen. Hierzu waren schon immer intensive Züchterkontakte, die sich in Ballungsräumen ergaben, erforderlich.  Seit Zaoraleks Zeiten bestehen die Bindungen zwischen Berlin, Wien und Budapest. Zahlreiche erwähnungswürdige Züchter sind aus diesen Kreisen hervorgegangen und haben die hohen Anforderungen an Leistungs- und Ziertümmler vorgegeben.

Über den Hochflugtaubensport hinaus trugen länderübergreifende Ausstellungen zur Verständigung und züchterischen Zusammenarbeit bei. Mit über 500 Wiener- und Budapester gestorchten Tümmlern gehörte die Schau 1929 in Berlin, die als die „Wiener Pleite“ in die Annalen einging. 1937 fand die große „Internationale“ in Wien statt, wo die Ehrenmitglieder aus unseren Reihen des „1. Wiener Tümmler-Tauben-Klubs“ Alwin Wittnebel und Hans Neyman nicht fehlten. 1964 fand die erste internationale Nachkriegsschau an gleicher Stelle unter Anton Enzelsberger statt.  

 

Zur 100jährigen, international beschickten Jubiläumsausstellung 1997 hatte der Obmann Alfred Baldia nach Traiskirchen bei Wien eingeladen, wo traditionsgemäß die alten Flugrassen einbezogen wurden. Mitgliedschaften in Wien und deren verstärkte Kontakte nach Prag und Budapest wurden seit Grenzöffnung genutzt. Zu den herausragenden Taubendarstellungen auf der „Jahrtausendschau“ in Nürnberg gehörte der Beitrag Österreichs, vertreten  durch das „Komitee der Vereinigten Wiener Tümmler und Hochflugtauben“ in Wien, unter dem Obmann und Organisator Hans Stipsky. Eine Nostalgie-Schau, die höchsten Ansprüchen genügte, war in den über 100 Jahre alten „Wiener Steigen“ ausgegliedert. Neben Ziertümmlern gliederten sich 68 Hochflugtümmler aus Berlin ein. In sechseckigen Schauvolieren präsentierten sich seltene Farbenschläge, die als ausgestorben galten. In Nürnberg ergab sich die Gelegenheit, rassegerechte Wiener Tümmler zu sehen. Freunde, die diese einmalige Darstellung sahen, werden in ihren Kreisen zu berichten wissen.

Auf zahlreiche Schauaktivitäten und die ca. 100 protokollierten Hochflugabnahmen im Berliner Verein soll nicht weiter eingegangen werden. Klimatisch ungünstige Veränderungen im Nord-Osten unseres Landes sowie zahlreiche Auswilderungen von Greifvögeln lassen im Großraum Berlin kaum noch einen Hochflug der Tauben zu. Spezialisierte Wanderfalken horsten auch im Sommer in künstlichen Brutkästen im Stadtgebiet und wandern nicht mehr in die ehemals angestammten nördlichen Länder.

 

 

 

 

Trotz dieser Umstände konnten die Züchter im traditionsreichen Sonderverein von Berlin und Brandenburg, der kleine Lokalrassen betreut, 1994 auf ein 75jähriges Bestehen zurückblicken. 

Zu diesem Anlass stellte der Vorsitzende Joachim Thews ein umfangreiche, städtebezogene Chronik der „Österreich-Ungarischen Tümmler“ vor. Inhalte weisen auf die historischen und kulturellen Werte hin, die uns, in der Mitverantwortung stehende Züchter, lebende Zeugnisse aus „1000 und einer Nacht“ anvertraut haben. In 6 weiteren SV-Gruppen in der Republik werden  ca. 200 Züchter von einem Hauptvorstand betreut, der sie in überregionalen Belangen vertritt. Die Angaben zu den Gruppenvorsitzenden sind abfragbar. Sollten sie Fragen haben, an Erfahrungsaustausch oder Kontakten interessiert sein, dann können Sie über diese e-mail-Adresse näheres erfahren: f.mutz@gmx.de 

 

 

Dieter Tödtemann's Hochflugseite - sehr zu empfehlen


   


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